Press

13. 06. 2020

Neue Ruhr Zeitung (Bettina Schack)

Beethoven aber war ganz nah

Anika Vavic spielte die Eroica-Variationen im Rahmen des Klavierfestivals Ruhr in der Alten Rentei von Schloss Gartrop unter den strengen Abstands- und Hygieneauflagen der Coronazeit. Es war ein musikalischer Genuss

Dinslaken. Es rauscht, wirbelt, die Klänge zittern und erbeben wie Blätter und Zweige im Wind. Die großen Fenstertüren der Alten Rentei von Schloss Gartrop sind geöffnet, um für die geforderte Luftzirkulation in Konzertsälen in Corona-Zeiten zu sorgen. Doch die Musik, die Pianistin Anika Vavic im Konzertflügel entfacht, braust stärker im forte, weht auch im pianissimo bis in die letzte der weit auseinander stehenden Reihen mit den vielen, bewusst zur Einhaltung des Sicherheitsabstands unbesetzten Stühlen.

Ein frischer Wind ist es, auch wenn er von einem nahenden Ende erzählt. Lange war es ungewiss, ob das Konzert am Mittwoch im Rahmen des Klavierfestivals Ruhr überhaupt stattfinden könne, nun war Anika Vavic aus Wien an den Niederrhein gereist und brachte „Der letzte Walzer" von Shih mit. Eine deutsche Erstaufführung in einem Konzert, das sie wegen der Sitzplatzbeschränkungen gleich zwei-mal hintereinander geben musste -die Karten waren bereits vor dem Beginn der Coronakrise vergriffen.

Shih, Jahrgang 1950 stammt aus Taipeh, Taiwan, ist aber seit Jahrzehnten in Österreich heimisch. Nach Wien der Musik wegen, diesem Ruf folgte Anika Vavic als 16-jährige aus Belgrad. Und, im gleichen Alter, der Dritte im musikalischen Bunde des Konzertes: Ludwig van Beethoven.

Das alles ist Beethoven

Beethoven. Das ist natürlich das Grummeln der Bässe und das Poltern wuchtiger Akkorde: Es wurde zum Image, passend zur Löwenmähne und dem grimmigen Gesichtsausdruck des einsamen Genies. Aber Beethoven ist auch der Star des Wiener Musiklebens, ein begnadeter Performer am Klavier.

Beethoven, das ist das große Schöpferische, das Anschwellen eines ganzen Meeres aus wenigen Tröpfchen Musik: gewaltige Symphonien, die er aus einem Motiv einzelner Töne entwickelte. Und Beethoven ist der klare Analytiker, der seinen perfekten, fehlerfreien Kontrapunkt wohl auch im Unterricht bei Haydn, Mozart und Saliere lernte, aber vor allem schon in der Bonner Jugendzeit im Werk des von ihm sein Leben lang hoch verehrten Johann Sebastian Bach studierte.

Anika Vavic bot mit ihrem eigens für den Abend einstudierten Repertoire den ganzen Beethoven. Mit ihrem Spiel, das sich durch sachliche Klarheit und Transparenz ebenso auszeichnet wie geradezu orchestrale Kraft. Sie besitzt einfach die Gabe, musikalische Gedanken nicht nur zu erfassen, sie kann sie mit der gleichen Deutlichkeit kommunizieren.

Man braucht ihr nur beim Spiel ins Gesicht zu sehen: völlig frei von irgendwelcher Theatralik gibt ihre Mimik einfach das wieder, was sie gerade musikalisch ausdrückt. Es ist, als würde sie mit dem Gegenüber sprechen.

Beethovens Image: Vavic beginnt mit dem „Letzten musikalischen Gedanken", abgeklärt, gelassen, fast gleichmütig. Würde nicht immer wiederheftiges Gefühl aufwallen, ließe sich ein tiefer Groll nicht verdrängen, ein Kampfgeist nicht brechen. Anton Diabelli hat das Klavierstück aus einem Fragment gebliebenen Streichquintett-Satz nach Beethovens Tod ergänzt und veröffentlicht.

Bach reflektiert

Beethovens Vorbild: Das Präludium in f-Moll, wohl ein Frühwerk , reflektiert Bachs Wohltemperiertes Klavier. Beethovens Spielfreude: Die Bagatellen op. 33 sind Miniaturen, in denen den Ideen freier Lauf gelassen wird. Tänzerisch, virtuos, nachdenklich, lyrisch, heftig, temperamentvoll und manchmal sogar verspielt. „Wo hab ich nur den Text gelassen, ich weißes, weißes nicht", scheint Beethoven beim Komponieren der Bagatelle Nr.4 vor sich hin zu singen, ein „Lied ohne Worte", wie es später Mendelssohn für seine Miniaturen beim Namen nannte.

Schließlich der Höhepunkt des Konzertes: Beethovens „Eroica"-Variationen, so genannt, weil der Komponist ihr Material für den Schlusssatz seiner dritten Symphonie aufgreifen sollte. Es ist Beethoven, der Schöpfer: Eine Folge aus vier Tönen, eine Antwort, drei hämmernde Akkorde, eine Antwort. Beethoven baut darauf auf, konstruiert Mehrstimmigkeit, entwickelt ein Thema.  Und steht das Gefüge fertig da, beginnt er, es zu variieren. Und hat er alle Möglichkeiten der Spielfreude ausgelebt, so erhebt er das Ausgangsmotiv zu Bachschen Ehren: Der Variationszyklus endet mit einer Fuge.

Das Konzert beendete Anika Vavic mit Chopin, Skriabin und Schubert. Dazwischen gab's den Blumenstrauß vom Intendanten: Zugeworfen über die Distanz von 1,50 Meter. Beethoven war einem dagegen dank der Pianistin in der Alten Rentei ganz, ganz nah.

Konzert unter Coronabedingungen

Das Klavierfestival Ruhr wollte 2020 Beethoven zum 250. Geburtstag mit der Aufführung seines Gesamtwerks für Klavier solo ehren, die coronabedingten Absagen einiger Termine machten diesen Plan zunichte. „Aber wir haben unsere liebe Anika hier": Intendant Prof. Franz-Xaver Ohnesorg zeigte sich am Mittwoch um so glücklicher, dass der Termin auf Schloss Gartrop gehalten werden konnte.

Glücklich machte auch das, was Anika Vavic in den komprimierten gut 75 Minuten plus Zugaben zwischen ihren Auf-und Abgängen mit Mund-Nasen-Schutz am Flügel bot.

sl

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